Oratorium

Durch kein Gelübde oder Eid gebunden, soll die Liebe das einzige Band sein, das die Mitglieder des Oratoriums zusammenhält.
(Philipp Neri, 1595)

In der Spur des "fröhlichen Heiligen" - Philipp Neri und das Oratorium heute

Philipp Neri ist eine der großen Gestalten einer Reformbewegung, die mit Luther, Ignatius von Loyola und Theresa von Avila das 16. Jahrhundert geprägt hat.

Der schelmische Florentiner wirkte über sechzig Jahre in Rom, wo sie ihn liebevoll "Pippo buono" nannten. Er war ein spirituelles Original und ein begnadeter Seelsorger, der mehr durch sein mitreißendes Verhalten wirkte als durch das Verfassen theologischer Schriften.

Sein Weg, die befreiende Botschaft des Evangeliums den Menschen nahezubringen, war es, auf den Straßen und Plätzen Roms Menschen aller Gesellschaftsschichten ins Gespräch zu verwickeln. Dabei konfrontierte er sie mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und eröffnete ihnen so einen Weg zu Gott. Besonders ansteckend war dabei sein Charisma der Heiterkeit.

Philipp war aber nicht nur ein Mann des Wortes, sondern er gründete auch eine Bruderschaft zur Pflege armer und vereinsamter Kranker. Kraft für sein Wirken schöpfte er aus der nächtlichen Stille der Katakomben, wo er sich im Gebet den frühen Christen verbunden fühlte.

Die Versammlungen der Urkirche waren für Philipp Neri Vorbild für die Kongregation des Oratoriums. Diese geistliche Gemeinschaft, die aus seinem Wirken entstanden ist, hat familiären Charakter und kennt keine Gelübde. Philipp, der großen Wert auf die Freiheit des Einzelnen legte, sah das Oratorium als Entfaltungsraum der unterschiedlichen Charismen zum Wohle der Gemeinschaft und ihrer Aufgaben. Zu diesen Aufgaben gehört die Offenheit für modernste Initiativen der Pastoral, des Dienstes am Nächsten, der Kultur, der Musik...

In diesem Sinne ist das Münchner Oratorium offen für neue Mitbrüder und für Menschen, die im Geiste Philipp Neris wirken möchten.

Raphael Steinke, Oratorium München

 

Oratorien weltweit

Heute existieren Oratorien außer in Deutschland vornehmlich in Italien, aber auch in Spanien, Polen und Litauen. Jedes Oratorium ist selbständig, aber eingebunden in die weltweite Generalkongregation mit einem Generalprokurator an der Spitze. Kirchenrechtlich unterstehen sie direkt dem Vatikan.

In Deutschland existieren heute folgende Oratorien:
  • Leipzig (1930)
  • München (1954)
  • Aachen (1956)
  • Frankfurt/Main (1956)
  • Dresden (1961)
  • Heidelberg (1968)
  • Celle (1992)
  • Hannover (von 1997-2011 in Ilsede)

Die in Deutschland gelegenen Oratorien bis auf Celle sowie das Oratorium in Vilnius sind Mitglieder der Deutschen Föderation des Oratoriums. 

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Entstehung des Münchner Oratoriums

Das Münchner Oratorium entstand als Tochtergründung des Oratoriums in Leipzig, das dort schon seit 1930 wirkte. Anlass war die Arbeit an einem neuen deutschen Katechismus.

Hieran arbeiteten vornehmlich ab 1936 Klemens Tilmann, der 1934 ins Leipziger Oratorium eingetreten war, mit Gustav Götzel vom Deutschen Katechetenverein (DKV) in München zusammen. Im Krieg traf sich Klemens Tilmann mit FranzSchreibmayr zur gemeinsamen Weiterarbeit in Berlin. 

Nach 1945 trafen sich die Leipziger Oratorianer Philipp Dessauer (1898 - 1966), Heinrich Kahlefeld (1903 - 1980), Ernst Tewes (1908 - 1988), Klemens Tilmann (1904 - 1984), Franz Schreibmayr (1907 - 1985), Jan Wiggers (1903 - 1961) und Joseph Jammers (1906 - 1987) in München. Von 1948 an lebten die Brüder zunächst in München-Solln zusammen, in der Villa von Karl Muth, dem langjährigen Herausgeber der Zeitschrift "Hochland".

1954 wurde aus der größten Münchner Pfarrei Herz Jesu sowie aus den Pfarreien St. Martin und St. Theresia ein eigener Seelsorgsbezirk St. Laurentius ausgegliedert. Am 1. Oktober 1954 wurde die neu errichtete Pfarrei St. Laurentius von Erzbischof Kardinal Wendel dem Oratorium anvertraut. Erster Pfarrer war bis 1965 Ernst Tewes, der spätere Regionalbischof für die Seelsorgsregion München und Liturgiereferent der Erzdiözese.

In der Chronik des Münchner Oratoriums ist zu lesen:
5. Juni 1954: Gründungstag des Münchner Oratoriums durch römischen Erlaß
1. Juli 1954: Erste Sitzung des Oratoriums, Heinrich Kahlefeld wird zum Superior gewählt.

Bereits 1953 begann eine eineinhalbjährige Planungsphase für den Bau der Kirche St. Laurentius zwischen den Architekten Emil Steffan und Siegfried Östreicher und den Münchner Oratorianern. Das Oratorium formulierte seine theologischen und liturgischen Vorgaben: Die Gemeinde sollte sich im Halb- oder Dreiviertelkreis um den Altar versammeln. In Absprache mit Erzbischof Kardinal Wendel wurde der Bau unter der Leitung des Oratoriums durchgeführt. Ein Kirchenneubau mit Gemeinde- und Jugendräumen war eine im Erzbistum München noch nie da gewesene Bauform.

 

Geschichte der Münchner Oratorianer

Heinrich Kahlefeld, einer der Münchner Oratorianer, der bereits ab 1928 Mitarbeiter Romano Guardinis (1885 - 1969) auf Burg Rothenfels war, übernahm 1948 von diesem die Burgleitung, und widmete sich dieser Aufgabe bis zum Jahr 1959. Da es der Katholischen Jugendbewegung auf Burg Rothenfels und den Oratorianern um die "aktive Teilnahme" der Gemeinde am Vollzug der Liturgie in Gebet und Gesang ging, bestand die Notwendigkeit, die lateinischen Texte der Tagzeiten ins Deutsche zu übertragen. Heinrich Kahlefeld schuf eine deutsche Übersetzung der Psalmen, die für die Komplet, wie auch für die Vesper benötigt wurden. Mit den Texten übernahm er auch die Singweise der gregorianischen Psalmodie. 

Ziel dieser "jungen Kirche" war es auch, ihren Hauptgottesdienst als gesungenes Hochamt zu feiern. Daher galt es nun, die Texte der Eucharistiefeier nicht nur ins Deutsche zu übertragen, sondern auch nach dem Vorbild der Gregorianik zu vertonen. Die gottesdienstlichen Gesänge in deutscher Sprache, die für St. Laurentius geschaffen wurden, sind einstimmige Wechselgesänge zwischen Vorsänger, Schola und Gemeinde. Seit Gründung der Pfarrei stellen sie einen festen Bestandteil der Gottesdienste dar. Die Pflege dieser Gesänge gibt dem Gottesdienst in St. Laurentius sein unverwechselbares Gepräge. 

Nach der Gründung des Instituts für Katechetik und Homiletik (IKH) in München im Jahre 1964 wurde Heinrich Kahlefeld dessen erster Direktor. Dieses Institut wurde von der Deutschen Bischofskonferenz gegründet, um die zukünftigen Seelsorger an eine zeitgemäße Verkündigung der christlichen Glaubensbotschaft heranzuführen. Dort dozierten auch die Mitbrüder Klemens Tilmann, Franz Schreibmayr und Hermann Seifermann. Von 1979 bis 1990 war Hermann Seifermann Professor für das Lehrfach "Exegese des Alten Testamentes und Didaktik des Bibelunterrichtes" an der kath. Stiftungsfachhochschule in Eichstätt. 

Die zeitgemäße Glaubensverkündigung lag den Gründungsmitgliedern sehr am Herzen, wovon eine umfangreiche exegetische und katechetische Arbeit zeugt. 

 

Aufgaben des Münchner Oratoriums heute

Heute kümmern sich die Mitbrüder des Münchner Oratoriums Arnold Wilmsen (*1943), eingetreten 1968 und Raphael Steinke (*1964), eingetreten 1999, gemeinsam um die Seelsorge der Pfarrgemeinde St. Laurentius.

Pfarrprofil 2009

Die Feier der Liturgie (Eucharistiefeier und Tagzeiten) ist in München den Leipziger Anfängen nahe geblieben. Bereits 1955 wurde jeden Sonntag eine eigene Kindermesse in der Philipp-Neri-Kapelle gefeiert. Die Kinder- und Jugendseelsorge ist bis heute ein Schwerpunkt in der Pastoral. 1970 wurde der pfarrliche Kindergarten erbaut in enger Anbindung an das bauliche und geistliche Konzept der Pfarrei.

Im Jahr 2004 wurde in einer Ausstellung der 50jährigen Geschichte der Pfarrei St. Laurentius und der Gründung des Münchner Oratoriums mit den gemeinsamen Anfängen in München und Leipzig gedacht.